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Beginn einer konjunkturellen Trendwende?

Mittlerer Oberrhein  | 12.04.2018

Dr. Axel Nawrath, Vorsitzender des Vorstands der L-Bank. Foto: L-Bank
Dr. Axel Nawrath, Vorsitzender des Vorstands der L-Bank. Foto: L-Bank

Karlsruhe: Die letzten Wochen waren aus konjunktureller und politischer Sicht geprägt von der Ankündigung der US-Regierung, Strafzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte zu erheben. Inzwischen wurde zwar bekannt gegeben, dass die Europäische Union von den Zöllen zunächst ausgenommen wird - die Gefahr einer weltweiten Spirale protektionistischer Maßnahmen besteht jedoch weiterhin. Auch bei den baden-württembergischen Unternehmen war in der L-Bank-ifo-Konjunktur-Umfrage im März eine Stimmungseintrübung - wenn auch auf weiterhin hohem Niveau - zu beobachten. So ist der Indexwert für das Geschäftsklima moderat von 33 auf 30 Punkte zurückgegangen.

Frage: Herr Dr. Nawrath, ist der aktuelle Rückgang der Stimmungsindikatoren aus Ihrer Sicht der Beginn einer dauerhaften Trendwende oder nur eine vorübergehende Reaktion auf die aktuellen Geschehnisse?

Antwort: Zunächst sei vorangestellt, dass die konjunkturellen Aussichten für Deutschland und Baden-Württemberg nach wie vor sehr gut sind. Wir erleben eine wirtschaftlich beachtlich gute Zeit. Gerade haben Wirtschaftsexperten und Forschungsinstitute ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum noch einmal angehoben und rechnen jetzt für Deutschland mit einem Bruttoinlandsprodukt-Wachstum zwischen 2,3 und 2,6 Prozent. Auch wenn die Erwartungen der Unternehmen etwas gedämpft sind, sie sind immer noch sehr positiv, wenn man etwa ein wenig in die letzten Jahre zurückschaut. Darüber hinaus gilt: In unserem L-Bank-ifo-Konjunkturtest hatten wir im Februar und im März einen Allzeit-Rekord, was die Einschätzung der Unternehmen zur aktuellen Konjunkturlage anbelangt. Und wir messen diese Daten nun immerhin schon seit 1991 jeden Monat.

Frage: Und dennoch sollten sich die Unternehmen im Land nicht auf den Erfolgen der Vergangenheit ausruhen?

Antwort: Natürlich gibt es Risiken: Politische Krisen, der den Welthandel bedrohende Protektionismus, der Brexit, der Fachkräftemangel. Das alles fällt ja nicht jetzt erst vom Himmel. Die potenzielle Risikolage ist seit geraumer Zeit im Keim gesät und mit wachsamem Blick zu verfolgen. Nur bisher hat das alles den Wirtschaftakteuren und der Konjunktur nichts ausgemacht. Aber so allmählich werden diese Risikosignale immer lauter, immer greifbarer; auch in unserer L-Bank-ifo-Konjunktur-Umfrage. Neben den schon angesprochenen geopolitischen Faktoren werden bei der aktuellen Hochkonjunktur und den vollen Auftragsbüchern auch Kapazitätsengpässe und der Fachkräftemangel immer mehr zum Problem. Daher dürfen wir auch das herausfordernde Thema Fachkräftemängel – gerade auch durch den digitalen Transformationsprozess bedingt – als mögliches Konjunkturrisiko nicht unter den Tisch fallen lassen. Es ist also durchaus vorstellbar, dass sich die zuletzt sehr euphorischen Stimmungswerte auch dauerhaft etwas normalisieren und das Tempo der konjunkturellen Entwicklung auf mittlere Sicht gedämpft wird – was zunächst einmal noch nicht weiter tragisch ist. Wichtig ist dabei, dass Richtung und Schrittgeschwindigkeit der Konjunktur stimmen – und das ist weiterhin klar der Fall.

Frage: Muss sich die baden-württembergische Konjunktur angesichts ihrer Exportorientierung vor einem möglichen weltweiten Handelskonflikt fürchten?

Antwort: Fürchten muss sich Baden-Württembergs Wirtschaft auf Sicht definitiv nicht. Die Unternehmen sind grundsätzlich sehr solide aufgestellt, wir befinden uns in einer stabilen Phase der Hochkonjunktur und die besitzt ein breites Fundament. Aber dennoch: Ein reibungslos funktionierender Welthandel ist gerade für Baden-Württemberg von zentraler Bedeutung. Das kann man schon daran erkennen, dass rund ein Viertel des deutschen Exportvolumens in die USA auf Baden-Württemberg entfällt. Allerdings beträgt der Anteil der Metallindustrie am baden-württembergischen Exportvolumen in die Vereinigten Staaten lediglich 0,6 Prozent, sodass die Auswirkung der bisher angekündigten Strafzölle auf Stahl-und Aluminiumprodukte überschaubar wären. Sorgen bereiten muss uns jedoch die Drohkulisse, dass beispielsweise auch für die Automobilindustrie Handelshemmnisse eingeführt werden. Ein Drittel der Ausfuhren der Südwestwirtschaft in die USA entfallen auf die Kfz-Branche – ein Wert von über acht Milliarden Euro. Ein echter Handelskonflikt, ein „heißer“ Handelskrieg rund um die USA ist in seinen ganzen Auswirkungen und Kettenreaktionen auf die aktuelle Statik der Weltwirtschaft kaum zu greifen. Die Risiken hieraus wären nicht nur für uns in Baden-Württemberg erheblich. Es wäre sehr klug, wenn die Handelspolitiker und Diplomaten rund um den Globus die Beziehungen wieder normalisieren und stabilisieren könnten.

Frage: Die Verbraucher im Südwesten lassen sich von den Risiken offenbar nicht beeindrucken. Konsum- und Einkommensklima liegen nach wie vor auf Rekordniveau. Woran liegt das?

Antwort: Zum einen wissen die Verbraucher nach so vielen guten Konjunkturmeldungen der letzten Monate, dass wir – wenn wir jammern – auf einem sehr hohen Konjunktur-Niveau jammern. Zum anderen hat das sicherlich auch mit der aktuellen Situation des Arbeitsmarkts zu tun: Die Arbeitnehmer fühlen sich sicher, sie haben eine starke Position. Die Zahl der Beschäftigten steigt weiter, was sich wiederum positiv auf den Konsum auswirkt. Der Aufschwung kommt also immer mehr auch bei den Arbeitnehmern an. Die Konsumstimmung der Baden-Württemberger ist hervorragend. Wir beobachten die höchsten Werte seit Beginn unserer Analysen hierzu.

Frage: Lassen Sie uns noch auf den Arbeitsmarkt im Südwesten blicken. Wie ist die Situation hier und welche Herausforderungen sehen Sie aktuell?

Antwort: Nach Angaben des statistischen Landesamtes gab es in Baden-Württemberg im Jahresdurchschnitt 2017 6,3 Millionen Erwerbstätige, so viele wie nie zuvor. Die Arbeitslosenquote ist 2017 auf einen historischen Tiefstand von 3,5 Prozent gefallen, nur Bayern hat eine noch geringere Quote (3,2 Prozent). Wir haben also quasi Vollbeschäftigung im Land. Eine zentrale Herausforderung für den Arbeitsmarkt wird zukünftig sicherlich der Umgang mit dem Thema Digitalisierung sein. Wir als Förderbank des Landes versuchen auch hier unseren Beitrag zu leisten, damit sich die mittelständischen Unternehmen bestmöglich weiterentwickeln können – beispielsweise mit unserem neu ausgerichteten Programm „Innovationsfinanzierung 4.0“, mit dem wir die Digitalisierung der mittelständischen Wirtschaft voranbringen wollen.

V.i.S.d.P.: L-Bank

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