Universität Ulm

Medikamente in der Schwangerschaft

Ulm (Region) | 11.08.2017

Freude über die Rückkehr der „Reprotox“ an die Universitätsklinik Ulm. Foto: Jürgen Emmenlauer/ St. Elisabeth-Stiftung
Freude über die Rückkehr der „Reprotox“ an die Universitätsklinik Ulm. Foto: Jürgen Emmenlauer/ St. Elisabeth-Stiftung

Ulm: Kann die Patientin in der Schwangerschaft das dringend benötigte Asthmaspray weiterhin benutzen? Und schaden die mit dem Insektengift Fipronil belasteten Eier dem ungeborenen Leben? Solche Fragen von Ärzten und Patientinnen aus dem deutschsprachigen Raum beantwortet Dr. Wolfgang Paulus bis zu 4000 Mal jährlich. Der Gynäkologe leitet die Beratungsstelle für Reproduktionstoxikologie („Reprotox“), die seit Mittwoch wieder offiziell zur Frauenklinik des Universitätsklinikums Ulm gehört.

Deutschlandweit gibt es nur zwei solcher Anlaufstellen für Patientinnen, die in der Schwangerschaft oder Stillzeit auf Medikamente angewiesen sind.

Frauen, die eine Schwangerschaft planen, bereits ein Kind erwarten oder stillen plagen oft große Zweifel: Könnte das womöglich lebenswichtige und seit Jahren eingenommene Medikament dem Nachwuchs schaden? Oft kann Dr. Wolfgang Paulus, Leiter der Beratungsstelle für Medikamente in der Schwangerschaft und Stillzeit („Reprotox“) an der Universitätsklinik Ulm, Entwarnung geben oder Alternativen aufzeigen. Ein Vorläufer der Ulmer Anlaufstelle war bereits 1976, unter anderem als Antwort auf den Contergan-Skandal, gegründet worden: In den 1950-er und 60-er Jahren sind rund 10 000 Babys mit Fehlbildungen auf die Welt gekommen, weil ihre Mütter das als unbedenklich geltende Schlafmittel Thalidomid („Contergan“) eingenommen hatten. Auch um solche Fälle zu verhindern, gibt es die Einrichtung in Ulm sowie die Berliner Beratungsstelle für Embryonaltoxikologie, die sich allerdings auf telefonische Auskünfte und Online-Informationen beschränkt.

Aus organisatorischen Gründen war Reprotox in den Jahren 2002 bis 2017 am Krankenhaus St. Elisabeth in Ravensburg, einem akademischen Lehrkrankenhaus der Universität Ulm, angesiedelt. Die Anlaufstelle gehörte in dieser Zeit zur St. Elisabeth-Stiftung, die ihren Hauptsitz in Bad Waldsee hat. Nun ist es jedoch gelungen, Reprotox an den Michelsberg zurückzuholen. „Die Beratung werdender Mütter zur Medikamenteneinnahme ist eine sinnvolle Ergänzung unseres Leistungsspektrums in der Frauenklinik sowie eine Bereicherung für Forschung und Lehre“, sagte der Ärztliche Direktor der Frauenklinik, Professor Wolfgang Janni, bei der offiziellen Übergabe am Mittwoch. „Für unsere schwangeren Patientinnen und Frauen im Wochenbett ist dieses Angebot eine wertvolle Hilfestellung und in dem meisten Fällen eine große Beruhigung“, ergänzte PD Dr. Frank Reister, Leiter der Geburtshilfe der Klinik. Peter Wittmann, Vorstand der St. Elisabeth-Stiftung, überbrachte seine besten Wünsche und ein Damian-Kreuz.

Doch wie läuft eine Beratung zur Reproduktionstoxikologie konkret ab? „Oft kontaktieren uns Gynäkologinnen und Gynäkologen, teilweise aber auch die Patientinnen selbst. Sie werden gebeten, ein Formular auszufüllen, und ausgehend von den übermittelten Daten sprechen wir binnen 24 Stunden eine Empfehlung für oder gegen ein Medikament aus, zeigen alternative Arzneien und sinnvolle Vorsorgeuntersuchungen auf“, erklärt Reprotox-Leiter Dr. Wolfgang Paulus. Er betont, dass auch ein Therapieverzicht aus reiner Vorsicht – beispielsweise bei Patientinnen mit Epilepsie, Asthma oder Depressionen – schwere Folgen für die Gesundheit von Mutter und Kind haben könne.

Seit Anfang der 1990-er Jahre hat der Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe mithilfe der Rückmeldungen von Patientinnen mehr als 30 000 Datensätze zur Verträglichkeit verschiedenster Medikamente in der Schwangerschaft zusammengetragen. Diese Datenbank umfasst auch Antworten der Mütter nach der Entbindung sowie Kontrollfälle und ist deshalb besonders aussagekräftig. Gemeinsam mit Paulus‘ publizierten Studien und dem europäischem Netzwerk ENTIS bildet sie die Basis der Beratungen. „Um sich abzusichern, raten Pharmaunternehmen in der Packungsbeilage meist pauschal von der Einnahme eines Medikaments in der Schwangerschaft ab. Dabei haben wir oft zahlreiche Fälle dokumentiert, bei denen die Medikation keine negativen Folgen für Mutter und Kind hatte“, erklärt der Mediziner.

Dr. Paulus schildert das aktuelle Beispiel einer Patientin, die aufgrund eines angeborenen Herzfehlers auf das gerinnungshemmende Medikament „Marcumar“ angewiesen ist. Als die junge Frau ungeplant schwanger wird, befürchtet ihr Gynäkologe Fehlbildungen – der Hersteller hatte vor einer Einnahme des Medikaments in der Schwangerschaft gewarnt. Doch Dr. Paulus gelingt es, den im Raum stehenden Abbruch zu verhindern: „Über unser europäisches Netzwerk konnten wir auf einige Hundert Datensätze von Marcumar-Anwenderinnen zugreifen und die Patientin beruhigen. Tatsächlich ist die Therapie erst nach der achten Woche möglicherweise fruchtschädigend“, weiß der Mediziner. Die werdende Mutter, die sich in der siebten Woche befand, wurde sofort auf ein gleichwertiges, risikoärmeres Medikament umgestellt. Bisher sind Patientin und Kind wohlauf.

Die häufigsten Anfragen an Dr. Paulus betreffen tatsächlich Psychopharmaka – insbesondere Antidepressiva. Doch auch jahreszeitliche Schwankungen wie steigende Nachfragen zu Antiallergika im Frühjahr sind zu verzeichnen. Weiterhin gehören die Beratung bei Infektionen und äußeren Einflüssen wie Strahlung und Chemikalien vor und in der Schwangerschaft zum Spektrum von Reprotox. Geht es um die Einnahme von Medikamenten in der Stillzeit, arbeitet Paulus auch mit Hebammen zusammen.

Zudem melden sich auch immer wieder Männer, die Väter werden wollen, in der Beratungsstelle. Nach einer Chemotherapie oder unter dauerhafter Einnahme von Psychopharmaka fürchten sie um ihre Spermienqualität.

Die Rückkehr an die Universitätsklinik bedeuten für Paulus und seine Beratungsstelle zahlreiche Vorteile: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Epidemiologen, Statistikern und etwa Pharmakologen wird dadurch einfacher. Zudem will er versuchen, Drittmittel für Forschungsprojekte einzuwerben. Denn obwohl die Basisfinanzierung über einen Zuschuss der Diözese Rottenburg-Stuttgart zunächst für fünf Jahre gesichert ist, muss der Mediziner weiterhin auf Spendengelder bauen. Die ärztliche Beratung kann nämlich nicht mit den Krankenkassen abgerechnet werden. Auch deshalb erhofft sich Paulus durch die Anbindung an die Universitätsklinik Ulm eine stärkere öffentliche Wahrnehmung.

V.i.S.d.P.: Universität Ulm

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